Der Rüßler
Teil I
Wie jeden morgen erwache ich unter grenzenlos chronischer Unlust in Begleitung eines grenzenlos unangenehmen Katers. Halb 6, Zeit zum Aufstehen, Zeit zum Arbeiten. Gedanken an die Arbeit lösen in mir Wellen all möglicher Emotionen, die der Mensch allgemein als „negativ“ bezeichnen würde. Doch oft genug musste ich die Scheiße ertragen, die mir gebührt, wenn ich mich dem unsäglichen Trieb des Einfach-liegen-bleibens hingeben würde.
Widerwillig drehe ich zur Seite und robbe mich liegend in Richtung meines hölzernen Nachtschränkchens. Dort angekommen, widme ich all meine Kraft meinen Händen, die mich für einen kurzen Moment stützen müssen, während ich meinen Rüssel in das am Vorabend säuberlich vorbereitete Häufchen Kokain drücke und einmal kräftig anziehe. Erschöpft von diesem Kraftakt verweilt mein Kopf noch für einige Sekunden auf dem Schränkchen bis mir wie gewohnt, der ersehnte Schwall an Energie in den Kopf schießt und ich top motiviert sowie absolut beschwerdefrei aus dem Bett schieße. „Guten Morgen Vietnam!“
Teil II
Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Rüssler.
Mein Name ist Pinkus Schnee, sesshaft in Rüsselsheim, von Beruf passionierter Schornsteinfeger.
Wir, allesamt gestandene Nasenkaffe-Konsumenten, wissen alle, wie schnell es geht. Wir alle kennen die Situation, wenn sich vor unseren Augen urplötzlich ein Häufchen weißes Gold auftürmt und uns unmittelbar und unaufhaltsam der Rüssel zu wachsen beginnt. Kaum ist der kleine Berg in Bahnen gegliedert, ist es auch bereits zu spät und das Trampeltier hält eifrig sein langes Saugrohr darüber um sie zügellos und animalisch wegzurüsseln.
Ist der Kamin gepudert, schrumpft auch vorübergehend der Rüssel wieder und wir können uns plötzlich ungehemmt mit Menschen unterhalten. Wir erzählen ihnen dies und jenes, wie wir letzte Nacht urplötzlich wachwurden und uns mit Vaseline einrieben, um Schnecke zu spielen beispielsweise. Dann fragt uns jemand, ob wir Lust auf eine Haschischzigarette hätten und ehe wir uns versehen, schwebt bereits wieder ein monströs angeschwollener Zinken über den kleinen Badezimmerspiegel. Wie konnte das denn schon wieder passieren?
Mit Dopamin vollgepumpt begeben wir uns, viel mehr stürmen wir zur Tanzfläche, um uns für eine Weile endlos stark zu fühlen. „Es leben die Dickhäuter!“
Rasch bemerken wir doch, wie unsere Haut allmählich wieder etwas dünner zu werden beginnt, so begeben wir uns unbewusst, allerdings äußerst zielstrebig auf die Jagt nach dem nächsten Goldrausch. Eigentlich haben wir genug von diesem Teufelszeug, zumindest ist ein kleiner Teil unseres gut gesinnten Bewusstseins dieser Meinung. Die dominante Mehrheit unseres Egos teilt jedoch die Ansicht, der Bolzen müsste mal wieder geschärft werden und ungeplant sowie völlig absichtslos finden wir uns auch schon wieder im engen Hinterzimmer der Partylokalität wieder, während unser exorbitanter, nimmersatter Riechkolben hoch motiviert und hemmungslos über das Ego-Futter fliegt. Herrgott im Himmel, wie konnte das denn schon wieder passieren …
Wir fragen uns langsam, wann den endlich mal genug sei, irgendwann muss doch dieser pulveraffine Gesichtserker mal buchstäblich die Nase gestrichen voll haben?!
Fehlannahme. Just in dem Moment, in welchem wir beschlossen haben, der festlichen Umtrunkstätte mal den Rücken zu kehren, lädt uns doch so ein Frechdachs zu einem kolumbianischen Treffen ein, in welchem zu jener Uhrzeit bekanntlich nur noch hoch ambitionierte Vollzeitrüssler verkehren werden.
Ein letztes Mal, denken wir uns, wissend, dass wir uns erneut belügen, doch schelmisch stolz darüber, dass wir mit dieser Party mal wieder einen guten Riecher gehabt haben.