DB-Deutsch

Ich befand mich am Fensterplatz des RE3 nach Saarbrücken, als der Ordnungshüter das Abteil betrat und mich aus meinem wahrhaftig entgleistem Blick in die vorbeirauschende Landschaft riss. Ich stellte mich auf Ticketkontrolle ein; gemäß seiner lautstarken Vorverkündung, hielt ich neben Ticket auch meinen Perso parat. Doch die Kontrolle ließ auf sich warten, als der penible Schaffner sich an einem Fahrgast festbiss, der offenbar nicht das Richtige in seinen Händen hielt. Durch die Schlitze mehrere Sitzreihen hinweg, erspähte ich einen Blick auf den vermeintlichen Straftäter, der zu seinem Nachteil kein Wort Deutsch konnte und irrwitziger Weise mit den paar zur Seite gekämmten, öligen Haarsträhnen und dem gewaltigen Pornobalken 1a aussah wie Hitler. Der Schaffner gab nun sein feinstes Englisch zum Besten, noch deutscher kann man sich einen Akzent nicht ausmalen, während der bereits zornig gewordene Fahrgast wild gestikulierend beteuerte, dass es sich hierbei um das gottverdammte Ticket handle. Der engagierte Bahnmitarbeiter wiederum ließ nicht locker und versuchte ihm klarzumachen, er brauche die DB-App und müsse dort die Nummer eintragen, die auf diesem Wisch stand. „No This is he ticket!“ „No, this is just the registration number. You need to download the DB-APP“ „But this is he ticket!!!“

So vergingen sage und schreibe 10 Minuten, auf der einen Seite der zu seinem Nachteil technisch unversierte, wutentbrannte Hitler-Doppelgänger, in der andern Ecke der unnachgiebige, musterhaft an seiner Pflicht festhaltende Kontroletti, der nicht mal das kleinste Anzeichen machte, an dem Gespräch zu ermüden. 

Müde sah er keineswegs aus, es war ein solide untersetzter Bär, in dessen verhältnismäßig kleinen Kopf zwei abermals kleine, jedoch weit aufgerissene Augen umherstarrten. Man hätte meinen können, er habe sich zu Schichtantritt eine sich gewaschene Ladung Nasenkaffe gegönnt, um mit höchstmöglichem Elan den unwürdigen Schwarzfahrern auf den Leim zu gehen. Der Zug hatte es jedoch in sich. Neben wildgewordenen Kriminellen, die sich weigerten, die DB-App auf ihr Handy zu ziehen, waren da auch noch rauchende Jugendliche. Nicht gerade während der Fahrt, doch an einem kleinen Zwischenhalt in Neubrücke erhaschten sich die Kids ein paar Züge zwischen Tür und Angel, bevor der Zug wieder ins Rollen kam. 

Kurz darauf ertönte eine sehr amüsante Durchsage. Von einem überdeutlichen Lallen untermalt, sprach eine alte Herrenstimme: „Verehrte Fahrgäste, das Rauchen an den Türen.. bei Aufenthalten am Bahnhof.. ist strengsten.. verboten. Wenn Sie wieder Rauchen, an den Türen.. setzen wir sie aus, weil.. das verboten ist.“

Offensichtlich hatte sich der Zugführer ordentlich einen hinter die Binde gekippt, zu seiner Verteidigung war es allerdings auch Samstags 22:00 Uhr und er musste schließlich arbeiten, bei der deutschen Bahn wohlgemerkt. 

Im Anschluss an die Durchsage machte sich dann der dicke Schaffner an den Kids zu „schaffen“. Ich schätze es macht im ein Heiden Spaß einer Horde wildgewordener Jugendliche mal eine ordentliche Lektion zu erteilen und mal ihnen Zucht und Ordnung einzubläuen.  Auch mit der Polizei wurde selbstredend gedroht. 

Ja und dann war da zu allem Überfluss auch noch ich, der ausgerechnet jetzt, wo der Bär durch das Fahrradabteil gelangen muss, sein Fahrrad in den Gang verladen hat, weil in Kürze raus musste. Ich hatte ihn bereits auf dem Schirm als er sich meinem Fahrrad näherte und war im Begriff, ihm den Weg frei zu machen. Doch zu spät. Sein Blick wanderte bereits abfällig auf das derart unsachgemäß abgestellte Fahrrad zu seinen Füßen, er blieb demonstrativ stehen und schaute schnaufend durch den Wagon. Man konnte riechen wie sein Ärgernis erregt wurde und ohne ihn direkt provozieren zu wollen konnte ich mir das Grinsen nicht verkneifen, als ich das Fahrrad nach hinten rollte. 

Dies brachte ihn dazu mir in die aufrecht in die Augen zu starren und auch noch eine weitere Lektion zu erteilen. „Und hier im Abteil nicht auf den Sitzen schlafen!“.

‚Wieso?‘ reagierte ich prompt, immer noch grinsend. Man spürte regelrecht wie der kleine Kopf den restlichen Proportionen seines Körpers gerecht werden wollte und zu schwellen anfing, während die kleine Äuglein noch etwas mehr hervorquollen. „Weil..“ fing er an, diesmal etwas löchriger und mit etwas weniger Selbstsicherheit bestückt als vorher. „wenn der Zug bremst, können Sie runterfliegen und dann kann ganz schön was passieren!“. Ahaa, es geht ihm also nur um mich, mehr sogar meiner leiblichen Unversehrtheit. Wie schmeichelnd. Gerne hätte ich ihn darüber aufgeklärt, inwiefern das bloße Mitfahren in jenem Zug vermutlich gefährlicher ist, als das seitliche Herunterpurzeln aus 40cm Höhe, doch die Lächerlichkeit seiner gesetzestreuen Gene hat hiermit ihren Zenit erreicht und ich konnte nicht anders als mit einsetzendem Lachen „Alles klar Herr Wachmeister“ zu erwidern.

„Es geht hier nicht um Herr Wachmeister, es geht um die Sicherheit des Zuges, die gewährleistet sein muss!!“ fauchte er, während ich mich mittlerweile von ihm abgewandt hatte. 

Ach was wäre dieser Zug nur ohne diesen hochengagierten DB-Mitarbeiter. Wahrscheinlich würde der Zug zum Inbegriff anarchistischer Parallelgesellschaft heranreifen, Fahrräder ständen kreuz und quer in den Gängen verteilt, Jugendlich qualmten die Wagons zu, keiner besäße ein Ticket. Der Albtraum eines jeden Bahnbeamten, ein kleiner Traum wiederum meinerseits. Noch leise vor mich in schmunzelnd und doch auch etwas in Mitleid mit dem Mann geraten, steige ich auf mein Rad und rolle gemütlich am Bahngleis Richtung Ausgang entlang, während mir eine frustriert dreinschauende, rauchende Schaffnerin ein kratziges „A-A-A“ zuruft, was so viel bedeutet wie „Hier herrscht Fahrradverbot du asozialer Raudy“.