In der Tiefe der Sensibilität.
Kleines Vorwort.
Dieser Text entstand vor ziemlich genau 10 Jahren. Es war mein erster Tripbericht, eine Erfahrung, über die ich damals unbedingt schreiben wollte. Da er doch sehr ausladend ist, empfand ich es als interessant, ihn hier hochzuladen. Einige Passagen gefallen mir noch heute, andere sind zugegeben etwas zum Schmunzeln. Ebenso offenbart dieser Text ganz schön viel Privates. Ich wollte ihn allerdings nicht kürzen oder abändern – es ist ein Baustein meiner Vergangenheit, so wie ich eben zu jener Zeit dachte und fühlte. Ebenso sehe ich immer etwas Wertvolles in der Offenbarung ‚negativ’ besetzter Gefühle, die in diesem Text allerdings auch besonders relativiert werden. Nur über schöne Erlebnisse zu berichten empfände ich als langweilig, ebenso auch einseitig und nicht der Realität entsprechend. Vielleicht findet man die ein oder andere Inspiration, was die Belichtung der Droge selbst betrifft, oder auch in den ausgelegten Facetten von Gefühlen und Emotionen, die in unserer Gesellschaft in meinen Augen noch immer zu einseitig betrachtet werden.
Falls ihr euch entschließt den Text zu lesen, nehmt auch Zeit. Ich fürchte, er ist etwas zu lang für zwischendurch. Enjoy!
Ca. 21:30 Uhr
Das Wagnis war mir bewusst.
Von zweifelhaftem Setting war nie die Rede. Doch das Set, die Tatsache, dass dieser Nacht ein Abschied folgt, der ohnehin schon schwer genug wäre, schmückte unser Vorhaben mit einem ehrfürchtigen Beigeschmack. So sehr ich, von Montag an, auf diesen Tag gewartet habe, so intensiv musste ich auch an den Folgenden denken, der Tag, an dem ich wieder aus der warmen Hülle der Geborgenheit und Zweisamkeit ausbrechen muss, zurück nach Mannheim, zurück in das zurzeit noch seelisch schwere, unruhige und eher einsame Leben.
Es ist der Tag ihrer Abreise. Für zwei Wochen verblieb sie nun in der Heimat, bei mir, und für 4 Monate wird sie von morgen an wieder verreisen.
Doch es ist mir jetzt gleichgültig.
Ich mache L wieder bewusst, sie keinesfalls zu etwas bewegen zu wollen, was nicht ihrem Willen entspricht und bete sie darum, mir Bescheid zu geben, falls ihr daran etwas nicht passen würde.
Ich vertraue in das wertvolle und schöne Erlebnis, von dem mir mehrfach berichtet wurde, ebenso wie ich in sie und in mich vertraue.
Sie bestätigt mir nochmals, die Erfahrung hier, heute und mit mir machen zu wollen und mit aufsteigender Nervosität und Neugierde entnehme ich die seit 8 Monaten aufbewahrte, für scheinbar genau diesen Abend prädestinierte Pille aus meinem Überraschungs-Ei, indem ich für gewöhnlich meine Plektren aufbewahre.
Ich starre noch einmal nachdenklich auf das kleine, scheinbar magische Stückchen Chemie, von dem alle bisher so schwärmten und was ich nun zwischen meinen Fingern halte.
Eine kleine rosa Bärentatze, so süß und unscheinbar, doch dem Internet und diversen Vorkostern zufolge, gar nicht mal so Ohne. 158,9 mg reines MDMA, neben unbedenklichem Füllstoff kein Speed oder sonstige Inhaltsstoffe – so zumindest die Angabe eines Chemie-Konzerns in Zürich, welcher regelmäßig sich im Umlauf befindende Pillen auf deren Inhalt untersucht.
Ich werde nun etwas Kleines, Festes schlucken, dessen noch viel kleiner Anteil an Wirkstoff über meinen Magen/Darm eine direkte, erhebliche Wirkung auf das komplexe System von Botenstoffen in meinem Gehirn haben wird. Ich weiß bereits, dass große Mengen von Serotonin freigesetzt sowie deren Wiederaufnahmerezeptoren gehemmt werden (in der Pharmakologie auch als
SSRI geläufig). Wie sich dies jedoch anfühlt, kann mir kein Mensch nur ansatzweise nahebringen.
So viel man auch über Dinge erzählt bekommt – und ich habe eine Unzahl an tiefgründigen Gesprächen geführt – wird man niemals diesen Zustand neuronaler Veränderung, ebenso wenig wie bewusstseinserweiternde Zustände nur im Geringsten nachempfinden können. Man kann sich das in etwa so vorstellen, wie wenn dir jemand den Geschmack von Kaffee oder Bier nahebringen will, ohne dass du jemals eine dieser Getränke gekostet hast. Ein ganz interessantes Gedankenexperiment.
Nach einer Weile verträumter Apathie, breche ich impulsiv die Pille in zwei Teile und gebe die eine Hälfte L. Während ich – entsetzt von dem stechend, scheußlichen Geschmack – verzweifelt um Wasser ringe, schaut Sie mich lächelnd und mit entspannten Augen an. „Ist ja gar nicht so übel.“
Ca. 22:30 Uhr
Ich sitze in der wohl besten Atmosphäre, die ich mir hätte aussuchen können.
Ein Haus – Mitten im Wald, in wohligem Schutze ländlicher Idylle, keine Nachbarn, in Ruhe und in Frieden. Im Ofen flackern lebendig die Flammen der Geborgenheit, es ist wohlig warm in der Stube und die sorgfältig ausgewählte Musik versetzt uns jetzt bereits in einen von Glück und Zufriedenheit geprägten Trance-Zustand. Ich bilde mir hier und da ein, bereits eine Wirkung zu verspüren, doch angesichts der wenigen Minuten, die bisher vergangen sind, finde ich mich schnell in der Klarheit wieder und hake den Eindruck als Placebo ab.
Ein etwas nachdenklicher Zustand durchdringt erneut meinen Geist: Was erwartet mich?
Je älter der Mensch wird, desto mehr schwinden die Momente des aufregenden „Ersten Mals“.
Die Kindheit ist noch von einer bombastischen Fülle solcher Situationen geprägt, ob Gehen oder Sprechen lernen, der erste Kontakt mit Tieren, das Spielen im Schnee, das erste Mal Schaukeln, das Meer, ein Wasserfall, oder auf dem Fahrrad von Papa mitfahren und so weiter.
Auch im Übergang zur Jugend herrschen diverse Erlebnisse fremder, aufregender Art:
Das erste Mal verliebt sein, Fahrrad, Skateboard, Mofa fahren, mit Freunden in Urlaub sein, nachts länger wegbleiben dürfen, der erste Horrorfilm, unter freiem Himmel schlafen, mit dem Auto ferneres Land entdecken, das erste Bier, der erste Kaffee, der erste Sex, und vieles mehr.
Während diese Erfahrungen am frühen Lebensmorgen noch weitestgehend unbeabsichtigt passieren, treten jene in der Jugend bereits viel mehr in den Vordergrund, man bereitet sich gegebenenfalls darauf vor, freut sich darauf, ist neugierig und aufgeregt auf die neue, fremde Erfahrung. Schließlich ist im Leben der meisten Erwachsenen ein „Erstes Mal“ etwas sehr Seltenes, doch wer von uns besitzt nicht tief im Inneren noch den Wunsch danach?
Wie Krishnamurti gesagt hat, besitzt jeder Mensch tief in seinem Wesen eine unvergleichbar große Fähigkeit: Sich mit Dingen abfinden und an Lebensumstände gewöhnen zu können.
Irgendwo ist dies ja auch eine gute bzw. nützliche Fähigkeit – wären alle so pathologisch gegen Routine, Gewohnheit und Rhythmus wie ich, würde diese Gesellschaft so nicht funktionieren. Doch mit Gewohnheit und Abfindung mit Lebensumständen entsteht auch gerne Komfort und damit verbunden das langsam einschlafende Interesse nach Neuem. Es liegt in meinen Augen rein an unserer Haltung, ob die im Kern lodernde Flamme nach Neuem, Fremden, der unstillbare Trieb nach Entdeckung und Abenteuerlust sich dem lähmenden Zeitgeist der Gewöhnung und der Abfindung zu widersetzten fähig ist. Ist es uns, angelehnt an diese innere Sehnsucht, demnach zu verübeln, dass wir, nachdem wir von dem alltäglich Umgebenen peu à peu mehr gelangweilt sind, Alkohol oder andere Drogen konsumieren?
Natürlich hat hier der wöchentliche Exzess nichts mehr mit einem ersten Mal zu tun, gewiss können Drogen zu Instrumenten der Kompensierung von alltäglichen oder auch individuellen Problemen heranreifen. Doch in meiner Sicht herrscht in dem Konsum von Drogen – zumindest anfänglich – der gleiche Antrieb, der gleiche Instinkt, der uns damals auf die Schaukel oder das Fahrrad gebracht hat. Das Interesse, das an jedem Anfang mal stand, zeugt von tiefer Sehnsucht nach neuen Bewusstheitszuständen, Erfahrungen und Botenstoff-Cocktails.
Die Frage bleibt natürlich: Wie gehen wir damit um?
Denn verrückter Weise sind fast alle Dinge, die besonders viel Spaß machen, die uns regelrecht in einen neuronalen Ausnahmezustand befördern, früher oder später toxisch. Ein Mensch, der angenommen in einem konstanten Überlevel an Serotonin und Dopamin durch die Gegend irrt (oder glücklich in der Ecke liegt) kann und darf auch so nicht existieren, unsere Biologie lässt das schlichtweg nicht zu. Diesen Reiz neuronaler Anomalie uns zu verwehren, entspricht vielleicht auch nicht ganz unserer Natur. Dabei denke ich immer wieder gerne an die Delphine, die im Kindesalter als Freizeitaktivität Kugelfische anstupsen und dabei high werden. In Indien und Afrika sind Elefanten bekannt dafür, gerne vergorene Früchte zu naschen, um sich zu betrinken. Das kanadische Dickhornschaf pflegt es eine besonders selten vorkommende Art von Flechten aufzusuchen, die eigentlich überhaupt keinen Nährwert für sie haben – abgesehen von der psychedelischen Potenz, die diese Flechte aufweist. Und dann gibt es Schimpansen, die sich tagtäglich auf die Suche nach speziellen Raupen begeben, die, wenn sie lange genug mit ihnen herumgespielt haben, ein Giftsekret ausstoßen, mit denen sich die Schimpansen sogleich einreiben und für den Rest vom Tag völlig stoned auf den Ästen herumliegen. Überall in der Natur gibt es die Lust nach Rausch, es steckt in uns, es ist Teil von uns, wir müssen es – auch in Hinblick auf therapeutische Ansätze – als tiefes, intrinsisches Interesse respektieren und zeitgleich einen geordneten Umgang erzielen.
Ca. 22:45 Uhr
Irgendetwas steigt in mir auf.
Ich spüre es durch meinen Körper rauschen, es läuft durch alle Glieder und versetzt sie in einen beschwingten Zustand. L liegt angewinkelt neben dem Ofen und schaut mir schelmisch lächelnd dabei zu, wie ich die aufkommenden Wellen fremder Energie in leichte Bewegungen umsetze. Ich gehe auf und ab, die Frage „Was geschieht nun?“ wird immer spannender.
Immer noch schweife ich regelmäßig in Gedanken ab, frage mich was ich hier gerade tue, denke nochmal an Menschen, die sich in dem gleich folgenden Gefühl gänzlich verloren haben und schwanke dauernd zwischen sicherer Entschlossenheit und zweifelhafter Ehrfurcht. Tatsächlich gab es schon Menschen, die von diesem scheinbar wahnsinnigen Serotonin-Rausch geprägt worden sind, wenn man einmal die Messlatte des Glücks so hoch ansetzt, so mag alles Nüchterne darunter plötzlich als unzufriedenstellend oder unspektakulär erscheinen. Einmal dort gewesen, so will man immer wieder dort hin zurück. Ein One-Way-Ticket quasi. Doch es ist jetzt eh zu spät.
Das Denken fängt an zu stören, ich will ganz hier und jetzt sein, weg von diesem verflucht verkopften Dasein. Doch diese innere Zerrissenheit lässt plötzlich noch mehr Zweifel zu.
Mir wird plötzlich bewusst, wie sehr mein Ego in den letzten Tagen damit beschäftigt war, sich selbst zu beschäftigen.
Ist es also das, worauf du immer gewartet und dich zurecht nie bisher getraut hast?
Ist es doch nur der blanke Rausch, auf den du im Leben abzielst, neben all den philosophischen, spirituellen Ansätzen, die dich deinem Selbst näher stellen sollen?
Warum beschäftigst du dich eigentlich mit all der Scheiße, sei es diese Naturforschung, das ambitionierte Klettern oder dieses Musizieren und Schreiben – es ist doch sowieso alles nur verzweifelte Kompensierung meines Rausch-süchtigen Gehirns, eine Flucht aus diesem elenden, unerfüllten Dasein in einer Großstadt, in der ich niemals einen Halt und meinen Seelenfrieden finden kann; eine Flucht aus dieser Welt, in der wir ständig versuchen uns Inhalt zu beschaffen, wir stumpf nach Glück streben damit wir es ertragen, dabei in Erinnerungen der Vergangenheit schwelgen und an Übermorgen denken.
Sinnierend über Morgen, sehe ich mich wieder in Mannheim, wo das Leben, was sich hier seit ein paar Tagen noch so fest angefühlt hat, wieder auf 0 zurückgesetzt und mir plötzlich wieder haltloser denn je erscheinen wird.
Ich kann L gerade nicht in die Augen schauen, stattdessen lege ich mich, von meinen Gedanken niedergeschlagen, vor den Kamin – irgendetwas bewegt mich dazu.
Vielleicht die beruhigende, warme Aura des Feuers oder die weiche Kamelhaardecke meiner Urgroßmutter, auf der mein Körper jetzt sanft lastet.
Für einen weiteren, kurzen Moment schwelge ich in Einsamkeit und Zweifel und dann …
Ruhe.
Ruhe und Frieden.
Ca. 23:00 Uhr
Plötzlich ist alles gut. Und damit meine ich … alles.
Eine Wende, so unerwartet und intensiv wie keine andere in meinem bisherigen Leben.
Eine Peripetie vom feinsten Grad, fast schon erschreckend, doch für Angst war in diesem Moment kein Raum gegeben. Nein, alles was man sich unter Angst oder Sorgen vorstellen kann, ist mit einem Moment weggeblasen – ein Gefühl, so befreiend und wohltuend und gleichzeitig so unvorstellbar, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Ich fühle mich unglaublich … geerdet.
Jeglicher Drang nach Bewegung sowie sämtliche Bedürfnisse wie Hunger, Durst oder Sex sind plötzlich einfach vergessen. Meine Unterarme stehen angewinkelt nach oben – wie zwei Antennen, die diese göttliche Kraft empfangen – der Rest meines Körpers ruht fest und mit der Erde verbunden auf dem Boden. Ich öffne meinen Mund, um mitzuteilen, dass ich gerade der glücklichste Mensch auf Erden bin und im selben Moment bricht L in absoluter Freude auf, springt auf das Holzbänkchen neben dem Kamin und beginnt rhythmisch zur Musik zu tanzen.
Hier sind wir nun.
Beide versunken in einem für uns neuen, tiefen Rausch. Nackt, frei, geborgen, sicher und in absolutem Frieden.
Ob das hier gut oder schlecht ist – daran denkt man nicht mehr. Plötzlich ist einem alles egal, es zählt nur noch das Gefühl und die Nähe zu einer Person, die das gleiche gerade erlebt.
Ich weiß jetzt bereits, dass sich das Warten gelohnt hat, dass es die beste Idee war, diese Erfahrung mit Ihr zu teilen.
Nur mit Ihr, mit niemandem sonst.
Ca. 3:00 Uhr?
Ehrlich gesagt habe ich überhaupt kein Gefühl mehr davon, wie spät es ist.
Zeit ist etwas, was bei solch einer Erfahrung auch nicht mehr zählt. Ja es ist bemerkenswert, wie das Bewusstsein über die Zeit derart irrelevant werden kann, wenn das Gehirn einfach vollkommen „zufrieden gestellt“ ist, als existiere sie schlichtweg nicht mehr.
Die erste Phase, die sich eher egozentrisch ausgedrückt hat, beginnt langsam zu schwinden und wir finden uns plötzlich in einer Ying-Yang-Position wieder, nach wie vor gänzlich unberührt von jeglicher sexueller Empfindung. Wir wollen beide nun einfach nur beisammen sein, ganz nahe und mit möglichst viel Fläche sich berührend.
Eine unbestimmte Zeit lang liegen wir Kopf an Kopf vor dem Ofen, ohne uns dabei nur einmal zu küssen. Wir sind einfach nur da, gemeinsam, wort- und zeitlos.
Unsere Nasen berühren sich und wir atmen jeweils den Atem des anderen.
Es ist wie Energie, die abwechselnd durch uns fließt, eine Strömung einzigartiger Wärme, die wir miteinander teilen. Jetzt ist alles gut. Die Welt steht still.
„Wir verschmelzen …“, ertönt leise und sanft aus dem Mund meiner zweiten Hälfte und wortlos, doch verständlich, stimme ich zu.
Ca. 4:00 Uhr
Von jetzt auf gleich ist es plötzlich verschwunden.
Zeitgleich tauchen wir wieder in unser gewohntes Raum-Zeit-Kontinuum ein, erstmalig bewusst, in welch weltfremden Paralleluniversum wir uns gerade befanden.
Es scheint uns, als wären wir soeben versehentlich mit einer Zeitmaschine gereist; mit einem Blick auf die Uhr verliert dann auch das Wort „soeben“ an Bedeutung.
Nach einer Weile ruhigem und Ofenwärme-nahem Daseins legen wir uns ins Bett und schlafen, begleitet von einem Set vom Falschen Hasen, langsam ein.
Ca. 6:00 Uhr
Es wiederholt sich wieder und wieder ein und derselbe Traum.
Unruhig und nervös liege ich da, in einer Grenzwelt zwischen Schlaf und Wachsein gefangen, bewege mich hektisch hin und her, als wäre ich einem Giftköder zum Opfer gefallen, drehe mich zur Seite, auf den Bauch und schließlich wieder auf den Rücken.
In dem Traum, der im Gegensatz zu meinen üblichen Träumen keinen wirklichen Handlungsablauf besitzt, finde ich mich rennend auf einer Kugel wieder, groß genug, dass ich etwas Zeit brauche um sie einmal zu umrunden, doch auch klein genug, um zu erkennen, dass Jemand stets auf der gegenüberliegenden Seite vor mir wegläuft.
Ich bin furchtbar gehetzt, ich will ihn fangen, halten, erreichen. Doch so sehr ich mich bemühe, gelange ich nicht auf die andere Seite.
Dieser Jemand ist L.
Ca. 9:00 Uhr
Mit offenen Augen liege ich in meinem Bett, das Tageslicht registrierend.
Grau und sonnenlos, kalt und still.
L schläft noch, doch ich wecke sie auf, mit den Worten „L.. mir geht’s scheußlich.“.
Weißt du noch wie es ist, wirklich traurig zu sein, wenn sich etwas dem Ende neigt?
Wenn man als kleiner Racker um 6 Uhr abends bei seinem Spielfreund abgeholt wird und mit Zorn und Widerwillen, schreiend vor Ungerechtigkeit trotzt und protzt und es dabei partout nicht akzeptieren kann und will, das alles mal ein Ende hat.
Wieso hat der Mensch im Alter verlernt, über schöne Momente mal gründlich zu weinen, wenn sie sich dem Ende neigen?
Rational betrachtet könnte man behaupten, das Kind ist eben viel emotionaler und besitzt noch nicht die Vernunft und Kontrolle eines Erwachsenen. Ich halte es jedoch für nicht unbeträchtlich, dass mit zunehmenden Alter viele schöne Momente nicht mehr mit dieser enormen Hingabe, wie man es aus der Kindheit kannte, genossen werden können.
Viele eigenständig etablierten Menschen lassen sich in ihrer Freizeit gar nicht mehr wirklich gehen, die Freizeit ist eher zum „Arbeitsausgleich“ herangereift und ist, wenn auch unbewusst, sehr von Gedanken an unsere Arbeit, von unseren Sorgen und Pflichten sowie anderen Problemen und Konflikten geprägt.
Viele Menschen suchen in ihrer Freizeit einen Art Ausweg, wenn der Abend vor dem Fernseher dann zu Ende geht und man sich schlafen legt, oder das Wochenende den Sonntag erreicht hat, verfallen sie unmittelbar wieder ihrem Automatismus, ihrem Alltag, und fragen sich wie schnell wieder diese Woche vorbei ging, oder wie schnell die letzten 30 Jahre an ihnen vorbeimarschierten…
In dieser Nacht, sowie diesem Morgen, wusste ich wieder was es heißt, sich vollkommen gehen zu lassen; natürlich suchte ich auch einen Ausweg aus Allem, was mir derzeit nicht passte, doch dieser Ausweg hat mir die Augen geöffnet. Dieser Ausweg hatte eine Nachricht.
Ca. 10:00 Uhr
Unwissend, dass im Vergleich zu Morgen, dieser Tag noch äußerst harmlos gestaltet war, habe ich dennoch das Gefühl, ein Mensch könnte sich kaum beschissener fühlen.
Die Tränen der Traurigkeit münden schnell in Tränen der Sorge, des Unglücks und der Verzweiflung.
Mit dem Ausgang meiner letzten Beziehung habe ich mir vorgenommen, nie wieder vor einer Frau, die mir was bedeutet, Tränen zu zeigen.
An diesem Morgen kann ich nichts mehr halten, ich fühle mich wie ein Mensch, den man bei lebendigem Leibe gehäutet hat, alles liegt frei, ich stehe meiner Umwelt nun unvergleichbar sensibel gegenüber, zumal ich mich ohnehin schon als sensiblen Menschen betrachte.
Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so unbesorgt und frei gewesen bin, wie in der letzten Nacht; vermutlich reicht es weit in meine Jugend zurück.
Nun fressen mich Gedanken an Mannheim, an die bevorstehende Arbeit heute Nacht sowie natürlich an die Abreise Ls regelrecht auf.
Nachdem ich mich gegen meinen Willen in Tränen verloren habe und dankbar dafür war, wie reif L damit umging, fühle ich wieder Energie in mir aufsteigen und, rausgerissen aus dem elenden Gedanken-Karussell, wünsche ich nun intuitiv nach draußen zu rennen.
Dort angekommen verspüre ich plötzlich wieder tiefes Glück und Zufriedenheit, tanze barfuß durch den von Tau-besetzten Rasen, rieche an Rosen, taste den Wind, höre den Vögeln beim Zwitschern zu.
Doch ebenso schnell, wie dieses Glück aufstieg, falle ich wieder in den Keller, als ich mich in die Wohnung begab. Wieder breche ich in Tränen aus und wieder fällt mir damit ein Stein vom Herzen.
Es geht mir wieder besser, viel besser, eine neue manische Welle erfasst mich – und kaum ich mich versehe, weine ich wieder…
Ich bin… Lenz.
Jetzt weiß ich vielleicht, wie sich etwa ein bipolarer Mensch fühlt, stets zwischen Himmel und Hölle, Tod und Geburt, Manie und Depression.
Dieser Morgen war schwermütig und anstrengend, doch ihm wohnte auch ein Zauber inne.
Mit den Tränen am Morgen löste sich etwas, was tief lag und sich bereits seit langer Zeit anstaute. Ob es die Vergänglichkeit der Jugend, der Umzug in die dreckige Stadt Mannheim oder die Trauer und Bange um L war – MDMA wurde zum Katalysator, zum Instrument der Gefühlsoffenbarung.
Es ist des Bürgers größtes Übel, Tränen zu verneinen, sie zu verbergen oder sich dafür zu schämen. Denn wie das Lachen die natürlichste und wichtigste Form der Entladung von Freude ist, so ist es das Weinen, sobald es sich um Angst und Trauer dreht.
Ein Kind lebt noch frei und ausgeglichen, es kennt die bürgerliche Scham und Scheu noch nicht. Wenn es glücklich ist lacht es, wenn es traurig oder verängstigt ist, weint es.
Allerdings wächst das Kind in einer (Leistungs-)Gesellschaft auf, in der Schwäche und Labilität, Sensibilität und „negative“ Emotionalität nicht gern gesehen, und demnach bestmöglich gemieden wird.
Doch alles was wir zu vermeiden versuchen, mündet nur in das Fass der angestauten Gefühle, welches sich langsam zu füllen beginnt und uns das Leben verklärt.
Angst, Trauer, Traurigkeit, Wut, Schwermut und Hass gehören genauso zum Leben wie Freude, Glück und Liebe. Das Kind, welches noch viel weint und schreit, weiß noch was es heißt, den Gefühlen, die uns täglich widerfahren, eine Berechtigung zuzusprechen, Akzeptanz und Raum zu schenken, sie auszuleben und zu entladen.
Mit dem Alter, der Erziehung, und dem heranreifenden Verstand sieht der Mensch plötzlich Möglichkeiten, Gefühle zu unterdrücken, ob mittels Arbeit, Sport, Drogen oder sonstigen, diversen Ablenkungen.
„Lachen ist gut und gesund.“, heißt es überall. „Ein Tag, an dem Du nicht lächelst, ist ein verschenkter Tag.“, las ich neulich. „Das Leben ist zu kurz um traurig zu sein.“
Selbstverständlich ist Lachen gut und gesund, doch ohne Tränen herrscht auch irgendwann kein wirkliches Lachen mehr.
Die Weltanschauung Aristoteles‘, welcher den Gegensätzen große Bedeutung zusprach, findet auch hier seine Bedeutung. Ohne Krieg kein Frieden, ohne Hass keine Liebe, ohne Reichtum keine Armut und ohne Trauer keine Freude.
Viele Menschen wundern sich, warum sie nicht mehr das Glück und die Freude verspüren, die sie einst in ihrer Kindheit mit sich trugen, und letztlich stehen sie sich nur selbst im Weg, in dem sie die uns unangenehm erscheinende Welt von „negativen“ Gefühlen zu meiden versuchen.
Wenn Du jemand auf der Straße triffst, von dem du behauptest, er lache wie ein Kind, dann versichere ich Dir, dass derjenige auch noch weinen kann wie ein Kind.
Die meisten Bürger sind gefangen in ihrer Welt von nicht tolerierten Gefühlen, verdrängten Erlebnissen und nie verarbeiteten Erfahrungen.
Sie reichen von vielen alltäglichen Situationen über Schicksalsschlägen, Trauerfällen, Trennungen etc. bis hin zu dem Gefühl von Einsamkeit, Minderwertigkeit, Verzweiflung oder sonstigen Neurosen.
Wir laufen tagtäglich vor Dingen weg, in Angst, sie konfrontieren zu müssen, in Angst vor der Angst, der Trauer und des Leides. Die Nicht-akzeptanz, Verdrängung und Flucht führt zu der Betäubung von Freude und Glück, zu negativen Charaktereigenschaften, Projektionen, Feindschaften, zur Heuchelei bis hin zur seelischer Taubheit.
Wie sollen wir unser Umfeld, die Menschen und die Welt noch wirklich wahrnehmen, wenn wir nur das Gute sehen und konfrontieren können?
Wenn mir meinen, Gefühle unter Kontrolle / besiegt zu haben, sobald wir sie scheinbar erfolgreich unterdrückt haben, begeben wir uns auf einen Holzpfad.
Die Gefühle sind nicht weg!
Wir schieben sie nur vor uns her, sie stauen sich auf, belasten uns, tauchen in Schüben immer wieder und wieder auf und unser Ego mutiert immer mehr zur Maschine, die darauf programmiert ist, uns von all dem vermeintlich Schlechten und schmerzhaften abzulenken.
„Es kommt alles wieder, was nicht bis zum Ende gelitten und gelöst wird und schmerzt desto stärker, je mehr man sich dagegen wehrt.“ hat Hesse mal gemeint.
Sonntag, ca. 9:00 Uhr
Leer und ausgebrannt erwache ich in meinem Hochbett des WG-Zimmers in Mannheim.
Bis 4:00 Uhr musste ich letzte Nacht hinter der Theke eines Clubs verweilen,
eine Tortur vom Feinsten.
Mit aufgerissenen Augen starre ich an die etwa 60cm von meinem Gesicht entfernte Decke und frage mich, wieso ich überhaupt noch wache.
In der WG herrscht eine Grabes Stille, mein Zimmer ist nach wie vor furchtbar gestaltet, das Wetter draußen ist miserabel und im Hinterhof ertönt der übliche Ghetto-Musik, in dem neben grauenhaften Auto-tune-Gesangseinlagen, Analphabeten über ihren Schwanz ‚dichten‘.
Am liebsten würde ich in diesem Moment einfach wieder einschlafen und nie wieder aufwachen.
Ich versuche mir nun klarzumachen, dass es nicht ein unvorhandener Lebenswille ist, der mir den Morgen gerade furchtbar sinnlos gestaltet, sondern schlichtweg das Wachwerden in meiner zuvor verdrängten Realität, die mir nun wirklicher vor Augen geführt wird als je zuvor. Dazu kommt natürlich – oder ist hauptverantwortlich – der brutale Serotoninverlust, mit dem mein Gehirn gerade zurechtkommen muss.
Ich entschließe mich also dazu, aufzustehen, obgleich es mir unfassbar schwer fällt, da ich partout nicht weiß, warum.
Mein erster Einfall ist aufs Klo zu gehen – immerhin herrschen noch Triebe.
Dort angekommen breche ich wieder in Tränen aus und denke intensiv an L.
Ich hole mein Handy zur Hand und sehe, dass sie mir in diesem Moment geschrieben hat.
Noch weinend sende ich eine Sprachnachricht und berichte wieder absolut entrüstet, ehrlich und ohne Scheu von meiner aktuellen Gefühlslage, ein Vermögen, was ich über die Jahre hinweg verlernt und mit der Erfahrung der letzten Tage endlich wieder zu schätzen gelernt habe…
Hier am Lachen, da am Weinen
Eben verwelkt und wieder am Keimen
Heute Bejahen, morgen Verneinen
Eben verhaspelt und wieder am Reimen
Gedanken hindern uns am Fühlen
zu später Stunde sind wir am Wühlen
bis unser Geist den Kollaps erfährt
Und unser Herz uns neu belehrt
Ohne Tränen kein wahres Gesicht
Ein Mensch ohne Leid – den gibt es nicht.
Nur wer ehrlich auch zu Trauern weiß,
den das wahre Glück willkommen heißt!
Bleib dir treu und richte dich auf
Gefühle nehmen ihren Lauf
Sie trauern bergab, sie eifern bergauf
Die Hoffnung nimmt die Krise in Kauf.