Vom Vöglein, das ständig ins Wasser fällt
Schon immer wollte das Vöglein am liebsten ganz hoch am Himmel fliegen. Dort, wo kein anderer Vogel sich je hin wagte, dort wo die Luft am dünnsten, doch die Sonne stets am nächsten ist.
Das tägliche rasten auf Bäumen und Strommästen langweilte es, und außerdem wart es oft bewölkt und kühl dort unten.
Nur hier, ganz weit da oben, fühlt es sich frei, fühlt es Geborgenheit, von all den flauschigen Wolken getragen. Doch immer mal wieder muss es für seine Tollkühnheit einen Preis zahlen, denn dort oben, dicht über den Wolken, zieht auch gerne mal ein Sturm auf.
Abrupt und meist ohne Ankündigung schwindet das Paradies, in dem das Vöglein soeben noch ein Bad nahm.
Die Wolken verdichten sich so sehr, dass es kaum noch sehen kann.
Die Kälte bricht ein, so schnell, dass es gar keine Zeit mehr hat, sich in Sicherheit zu bringen.
Gefangen in all den grauen, kalten Wolken, erstarrt das kleine Vöglein, ihm sind plötzlich die Flügel gebunden und ehe es sich versieht, beginnt es zu fallen.
Nichts kann es aufhalten. Im Sturzflug fällt es durch die wütende Wolkendecke, gelangt in den Regen, fällt tiefer und tiefer.
Das Vöglein hat Glück, denn dort unten ruht der Ozean. Es weiß stets, dass es überleben wird, wenn auch die Wasseroberfläche hart ist und der Aufprall schmerzt.
Während all die anderen Vögel zuvor Zuflucht an Land gesucht haben, ist das Vöglein nun alleine mit seinem Schicksal. Über den Wolken verliert man gerne mal die Orientierung.
Niemand kann es hier draußen retten, niemand kann sein Leid hier teilen, das Vöglein ist ganz auf sich alleine gestellt. Und es sinkt und sinkt, durch alle Blautöne hindurch.
Irgendwann, wenn das Licht die Tiefe nicht mehr erreichen kann, herrscht nur noch Schwarz.
Wahre Dunkelheit, wahre Stille, wie an keinem anderen Ort dieser Welt.
Für einen Augenblick fühlt das Vöglein Schwerelosigkeit, genießt die Ruhe und Gelassenheit, die das weite, tiefe Meer zu bieten hat. Manchmal wünscht er sich, darin länger zu verweilen, das Leben, wie es eben dort unten ist, einfach anzunehmen.
Ein dumpfer Klang ziert den Aufprall am Grund.
Ein Klang voller Erleichterung, ein Klang voller Klarheit. Rasch erwacht der natürliche Instinkt, das kleine Vöglein droht zu ertrinken, dabei will es doch fliegen!
Plötzlich spürt es seine Flügel wieder und mit aller Kraft beginnt es aus der Tiefe emporzusteigen. Das dort unten ist nicht seine Welt, das Vöglein gehört in den Himmel!
Wenn auch eine Weile vergeht, bis es die Küste erreicht, so wusste es doch stets, wofür es gekämpft hatte. Erschöpft, doch von Leidenschaft getragen, schüttelt es die letzten Tropfen von seinem Gefieder.
Für eine Weile betrachtet es seine Artgenossen, die gelassen auf Bäumen und Strommästen sitzen und singend ihren Alltag genießen. Für einen Moment meint es sich dazuzugesellen.
Doch dann erblickt es, durch eine kleine Öffnung in der Wolkendecke hindurch, die Sonne hoch am Himmel stehen. Geblendet von ihrer Helligkeit, angezogen von ihrer Wärme, gibt es nur eine klare Option für das unterkühlte Vöglein.
Voller Wehmut und Sehnsucht nach dem Paradies spreizt es seine Flügel, hebt ab und fliegt voller Innbrunst hoch hinaus – immer höher und höher, durch die Wolkendecke hindurch, bis es schließlich wieder da angelangt, wo es sich richtig fühlt.
Über flauschigen Wolken, vom Sonnenlicht gewärmt, zurück im Paradies, hoffend, dass das nächste Unwetter etwas auf sich warten lässt.
